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Marktplatz Rheinland

Eine neue Baugruppe

In den kommenden Jahren wird im LVR-Freilichtmuseum mit dem "Marktplatz Rheinland" eine neue Baugruppe entstehen. Noch ist alles eine Baustelle. Informationen über die ersten Gebäude können Sie hier dennoch schon einsehen.

Mit dem „Marktplatz Rheinland" wird im LVR-Freilichtmuseum Kommern ein weiterer großer Baustein des kulturgeschichtlichen Bogens entstehen, der sich dann vom 15. Jahrhundert bis in die jüngste Vergangenheit ziehen wird. Die neue Baugruppe wird sich dabei der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts widmen und somit zeitlich an die Dauerausstellung „WirRheinländer" anknüpfen.

Notzeiten und Wirtschaftswunder

Familie in zerstörter Stadt. Foto: Stadtarchiv Duisburg. Foto kann in neuem Fenster vergrößert werden.Der Zweite Weltkrieg ist vorbei, Städte und Dörfer liegen in Trümmern, Wiederaufbau und Wirtschaftswunder stehen an. Mit der Darstellung dieser Zeit soll in der neuen Baugruppe begonnen werden. Vorgesehen sind Notbaracken, wie eine „Nissenhütte" – eine halbrunde Wellblechbaracke – oder andere Behelfsunterkünfte, so genannte „Schlichtbauten", die mit minimalstem Materialaufwand schnell und notdürftig  errichtet wurden. In diesen provisorischen Gebäuden haben in den Nachkriegsjahren viele Vertriebene, Flüchtlinge und Ausgebombte wohnen müssen. Oftmals „hausten" hier mehrere Familien auf engstem Raum – meist nur durch eine einfache Trennwand aus Teppichen oder Decken voneinander getrennt.

Die hygienischen Verhältnisse waren aus heutiger Sicht sehr bedenklich bis katastrophal. Der im Rückblick oft gelobte zivilisatorische Fortschritt der folgenden Jahrzehnte wird auch in der neuen Baugruppe nachvollziehbar werden. Sowohl das „Plumpsklo" auf dem Hof als auch die ersten Badezimmer mit WC werden hier zu sehen sein.

Badezimmer der Wirtschaftswunderzeit. Foto: LVR. Foto kann in neuem Fenster vergrößert werden.Das einsetzende Wirtschaftswunder erreichte noch lange nicht jeden. Bei der Einführung der D-Mark im Juni 1948 startete die Bevölkerung mit einem "Kopfgeld" von 40 DM. Die neuen Scheine waren zunächst im Aussehen noch fremd; die 20-DM-Scheine erinnerten an amerikanische Dollarnoten.

Mit der Zeit aber nahm die Wohlstandsrepublik deutlich Konturen an – nicht nur bei den Konfektionsgrößen. Die "Fresswelle" rollte durchs Land, der Bauboom setzte ein. Musik- und Heimatfilme begleiteten die erste – wenn auch noch jahrelang auf die wohlhabenden Bevölkerungsteile beschränkte – "Reisewelle" in die Berge bis nach Italien. Aber auch Rhein und Mosel waren beliebte Reiseziele.

Kulturgeschichtliche Maßstäbe aber setzte die Amerikanisierung einhergehend mit einer sich rasant entwickelnden Technisierung: Kühlschrank und Fernsehgerät, Kaugummi und Straßenkreuzer, Mickey Mouse und Tupperparty, Nylonstrumpf und Lederjacke, Petticoat und Rock 'n 'Roll wurden zum Ausdruck neuer Lebensqualität.

Technischer Fortschritt

Zapfsäule 1950er. Foto: LVR-Freilichtmuseum Kommern. Foto kann in neuem Fenster vergrößert werden.Das 20. Jahrhundert ist eine Zeit großer gesellschaftlicher Veränderungen. Im Laufe der Jahrzehnte entwickelten sich zahlreiche neue Gebäudetypen, die durch die rasch fortschreitende Technisierung entstanden: Der zunehmende Individualverkehr führte zur Errichtung von Tankstellen, Autowerkstätten und Parkplätzen. Die allmählich flächendeckende Energieversorgung mit Strom brachte Veränderungen im Straßenbild. Transformatorenhäuschen, Hochspannungs- und Freilandleitungen lieferten die neue Energie in jedes Haus.

Neue Kommunikationstechnologien wie das Telefon konnten nur realisiert werden mit der Errichtung von Telegrafenmasten, die ein immer größer werdendes Netzwerk bildeten. Wer sich keinen privaten Hausanschluss leisten konnte, nutzte die nun vermehrt auf den Straßen oder Plätzen stehenden Telefonzellen. Das neue Wunder des Fernsehens veränderte das Aussehen und die Ausstattung der Häuser: außen mit den privaten Dachantennen und innen mit den neuen Geräten, die als zentrale Möbel die Wohnzimmer dominierten. Auch auf die alltäglichen Gewohnheiten hatten die technischen Apparate zunehmenden Einfluss. Die Tagesschau wurde in vielen Familien zu einer festen Institution. An den Gebäuden und ihrer Möblierung lassen sich daher viele Veränderungen der Lebensgewohnheiten ablesen.

Das 20. Jahrhundert bringt nicht nur gravierende Veränderungen in der städtebaulichen Entwicklung mit sich. Auch die Bauweisen der Profanbauten, die bis in das 19. Jahrhundert noch regional ausgerichtet waren und so das Orts- und Landschaftsbild maßgeblich prägten – wie in den vier regionalen Baugruppen des Museums zu sehen ist – ändern sich nun grundlegend.

Überregionale Baustile führen zu einer Zurückdrängung der regionalen Besonderheiten. Bauweise und Materialien werden durch die industrielle Produktion und die vereinfachten Transportmöglichkeiten auch über weite Strecken vereinheitlicht. Dennoch verändern die Städte ihr Aussehen und Erscheinungsbild nicht über Nacht. Bis heute finden sich in den Städten und Dörfern des Rheinlandes Gebäude unterschiedlichen Alters nebeneinander.

Translozierungen für die neue Baugruppe

Vorbereitung zur Translozierung eines Hauses. Foto: LVR-Freilichtmuseum Kommern. Foto kann in neuem Fenster vergrößert werden.Das Freilichtmuseum trägt mit der Planung und Errichtung der neuen Baugruppe dieser Entwicklung Rechnung. Die gravierenden Veränderungen des 20. Jahrhunderts sollen anhand von Originalgebäuden und ihrer originalen Einrichtung gesammelt, dokumentiert und für die Besucher präsentiert werden.

Abbau eines Hauses zur Translozierung. Foto: LVR-Freilichtmuseum Kommern. Foto kann in neuem Fenster vergrößert werden.Bauten verschiedener Jahrhunderte aus den rheinischen Landschaften wurden in den vorhandenen vier Baugruppen in das Freilichtmuseum transloziert und dort nach dem Vorbild historisch gewachsener Ortsstrukturen zueinander in Beziehung gesetzt. Dabei ging es um die Präsentation des Ersterbauungszustandes der Gebäude. In der neuen Baugruppe hingegen sollen die Veränderungen und die Nutzungsspuren an den Gebäuden und ihrer Einrichtung im Mittelpunkt stehen. Daher werden Zeitschnitte präsentiert, die neben der Hausgeschichte vor allem auch die Geschichte ihrer Bewohner, ihren Alltag, ihre Arbeits- und Lebenssituation greifbar werden lassen. Daneben sollen Möbelensembles ganzer Wohnungen und komplette Laden- und Werkstatteinrichtungen präsentiert werden.

Auch wenn die Darstellung in einem Freilichtmuseum mit der – nicht darstellbaren – historischen Realität nicht identisch sein kann, lassen gerade diese vielen originalen Objekte der vier regionalen Baugruppen und die geplanten Gebäude auf dem „Marktplatz Rheinland" das Leben der letzten 500 Jahre bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts anschaulich und nachvollziehbar, wenn nicht sogar „lebendig" werden.